Hl.Hauptandacht St. Veit. 2001-03-30/ Sa.,13-9-08-Sp/MB-Hauptandacht 2009-04-03/Saalfelden Stundgebet- 2014

Im Mittelpunkt unseres heutigen Dankens und Gedenkens steht also das Kreuz Jesu, jener schreckliche Galgen, den sich die Christen der ersten Jahrhunderte nicht einmal darzustellen getrauten, so sehr haben sie sich dessen geschämt. Auf einer anderen Ebene geschieht in Zeiten wie diesen Ähnliches, wenn etwa das Kreuz als Zeichen der Intoleranz und Bedrohung missdeutet wird, wie in jenem unseligen Urteil des deutschen Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahr 1995, wonach es dem Menschen unzumutbar sei, unter dem Kreuz zu lernen und so die Kreuze aus den Klassenzimmern zu entfernen seien.
Heutzutage aber singen wir: Heilges Kreuz, sei hoch verehret, und wir beten beim Kreuzweg: Wir beten dich an, Herr Jesus Christus und preisen dich, denn durch dein Heiliges Kreuz hast du die ganze Welt erlöst. Immer mehr sind die Christen im Laufe der Geschichte und des Nachdenkens über Gott und die Welt draufgekommen, dass das Kreuz kein Betriebsunfall des sonst so lieben Gottes gewesen ist, sondern das Kreuz und Erlösung untrennbar zusammengehören. Schon den Jüngern von Emmaus öffnet der Auferstandene die Augen und Herzen für das Verständnis der Schrift, sodaß sie erstaunt einsehen: Musste nicht der Messias all das erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen. Jetzt plötzlich erkennen sie einen geheimen Plan hinter diesem sinnlosen Kreuzestod, und im unentwirrbaren Gewirr der Hoffnungslosigkeit erkennen sie trotz allem den roten Faden der Liebe Gottes. Gerade in diesem radikalen Tod, in diesem freiwillig auf sich genommenen Leidensgehorsam erweist sich Gottes Nähe als glaubhaft. Dass Gott uns leiden kann, sieht man unüberbietbar daran, dass er wirklich leidet und stirbt und in diesem gottverlassenen Schrei am Kreuz, der doch auf Gott hingerichtet ist, kann sich alle Gottverlassenheit aller Zeiten aufgehoben wissen. Die Kärntner Dichterin Christine Lavant fragt: Christus, bist du wirklich auch in mir? Wirst du alles können überdauern, wenn ich einmal hinter jenen Mauern eingesperrt so kreische, wie ein Tier? Jener urmenschliche Schrei gibt Antwort auf diese Frage der Dichterin. Eine andere Dichterin, Eva Zeller sagt es ähnlich auf ihre Weise: Wann, wenn nicht um die neunte Stunde, als er schrie, sind wir ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur seinen Schrei nehmen wir ihm noch ab und verstärken ihn in aller Munde. —Wenn wir ihm keines seiner Worte glaubten, jenen Schrei am Kreuz, den müssen wir ihm glauben, und der rückt alles in ein neues Licht.
In einer sehr tragisch endenden Geschichte wird uns einmal von einem Jungen erzählt, der weiß, dass es daheim im Wald eine Höhle gibt. Im Unterricht lernt er, wie solche Höhlen entstehen und er beschließt, diese heimatliche Höhle in den Ferien zu erforschen. Er findet den Eingang: es ist ein Loch im Boden, durch das er gerade hindurchpasst. Sie ist nicht tief, unten sieht er schon den Boden und er lässt sich hinunter, der Ausgang ist gerade einen Meter über seinem Kopf. Nun beginnt er, die Höhle zu erforschen, sie ist nicht groß und endet gleich nach ein paar Schritten. Nun aber beginnt das Unheil: er entdeckt, dass er aus der Höhle mit ihren glatten und überhängenden Wänden nicht mehr herauskommt. Der Dichter schildert nun den aussichtslosen Kampf dieses Buben, und die Geschichte endet tragisch: niemand hört ihn, niemand findet ihn, er muß da unten elend zugrunde gehen.
Mit dieser Geschichte ist natürlich die ganze Welt gemeint: sie ist dem Untergang geweiht, sie kommt aus ihrem selbstverursachten und selbstgebauten Gefängnis nicht mehr heraus.
In der Literatur und in der Kunst merkt man heute oft diesen Hang zum Negativen und Grausamen. Natürlich auch in den Medien: only bad news are good news- nur schlechte Nachrichten sind guten Nachrichten, das ist das Motto.
Das Evangelium vom Geheimnis unserer Erlösung aber sagt uns etwas Anderes: es sagt uns, dass wir nicht allein sind in dieser Höhle: Gott selber ist zu uns heruntergestiegen in unsere aussichtslose Dunkelheit, wir sind nicht mehr allein. Wir sind nicht vergessen, wir sind gefunden. Und die Auferstehung Jesu, die wir hinter dem Kreuz aufleuchten sehen, die sagt uns, dass er schon herausgestiegen ist aus dieser Höhle, aus dieser Hölle und dass er unterwegs ist, um uns alle zu befreien. Das ist die gute Nachricht in mitten aller schlechten Nachrichten. Die gute Nachricht, die frohe Botschaft, das Evangelium.
Die Allmacht Gottes zeigt sich nicht im Herrschen und Dreinschlagen, das können die Mächtigen dieser Welt schon lange. Gott aber kann bis in diese tiefst Tiefe mit uns solidarisch werden. Das können die Mächtigen dieser Welt nicht. Diese Allmacht der Liebe, die wir oft nicht verstehen, weil unser eigenes Leid und Schicksal so übermächtig und erdrückend vor uns steht, dass wir sonst nichts mehr sehen.
Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er sein Liebstes, seinen eigenen Sohn hingab, damit jeder, der glaubt, durch ihn das Leben hat. Diesen Satz sagt Jesus heute dem Nikodemus im nächtlichen Gespräch und er sagt ihn auch hinein in unsere Nächte. Diese unbegreifliche Zuneigung Gottes, die sich eben im Kreuz zeigt, sie ist das Zentrum der Frohen Botschaft und der Motor des ganzen Evangeliums. Nicht ein rachsüchtiger Gott, der ein blutiges Opfer braucht, um die Welt mit sich zu versöhnen, sondern ein liebender Vater, der in seiner Barmherzigkeit und Nähe bis zum Äußersten geht. Dafür steht das Kreuz.
Möge diese Sichtweise immer mehr unser Leben und Glauben bestimmen und stärken.

Eine andere Erzählung will uns das abschließend noch einmal trostreich vor Augen stellen, wie das Geheimnis der Erlösung mit dem Geheimnis des Kreuzes verbunden ist:
Die Gerichtsverhandlung
Am Ende der Zeit versammelten sich
Millionen von Menschen auf einer
riesigen Ebene vor dem Thron
Gottes. Viele von ihnen schauten
ängstlich in das helle Licht, das
ihnen entgegenstrahlte. Aber es gab
auch einige Gruppen von Menschen,
die sich hitzig miteinander
unterhielten. Die Umgebung schien
sie nicht zu beeindrucken.
“Wie kann Gott über uns zu Gericht
sitzen? Was versteht er schon von
unserem Leiden?”, fauchte eine junge
Frau. Sie zog einen Ärmel hoch und
zeigte eine eintätowierte Nummer aus
einem Konzentrationslager. Aufgeregt
öffnete ein farbiger junger Mann seinen
Hemdkragen. “Schaut euch das an!”,
forderte er seine Nachbarn auf. Am Hals
sah man das hässliche Mal eines Stricks.
“Gelyncht wurde ich nur darum, weil ich
schwarz bin. In Sklavenschiffen hat man
uns erstickt. Von unseren Liebsten
wurden wir getrennt. Wie die Tiere
mussten wir arbeiten – bis der Tod uns
die Freiheit schenkte.”
Überall auf der Ebene wurden jetzt
ärgerliche Stimmen laut. Jeder richtete
Klagen an Gott, weil er das Böse und das
Leiden in der Welt zugelassen hatte. Wie
gut hatte er es doch im Himmel, in all
der Schönheit und Helligkeit zu wohnen.
Dort gab es keine Tränen, keine Furcht,
keinen Hunger und keinen Hass. Ja,
konnte sich Gott überhaupt vorstellen,
was der Mensch auf der Erde erdulden
musste? Schließlich führte er selbst ein
recht behütetes Dasein, fanden sie.
Es bildeten sich Gruppen, und jede
wählte einen Sprecher. Immer waren es
diejenigen, die am meisten gelitten
hatten. Da war ein Jude, eine Schwarze,
ein Unberührbarer aus Indien, ein
Unehelicher, eine entstellte Leprakranke,
ein Opfer aus Hiroshima, eine
Abgetriebene und jemand aus einem
Arbeitslager in Sibirien.
Sie diskutierten aufgeregt miteinander.
Schließlich waren sie sich in der
Formulierung ihrer Anklage einig. Der
Sachverhalt war ganz einfach. Bevor
Gott das Recht hatte, sie zu richten,
sollte er das ertragen, was sie ertragen
mussten. Ihr Urteil: Gott sollte dazu
verurteilt werden, auf der Erde zu leben
- als Mensch !
Aber da Gott ja Gott war, hatten sie
bestimmte Bedingungen aufgestellt. Er
sollte keine Möglichkeit haben, aufgrund
seiner göttlichen Natur sich selbst zu
helfen. Und dazu hatten sie sich
folgendes ausgedacht: Er sollte als Jude
geboren werden. Die Legitimität seiner
Geburt sollte zweifelhaft sein. Niemand
würde wissen, wer eigentlich der Vater
war. Er sollte versuchen, den Menschen
zu erklären, wer Gott sei. Er sollte von
seinen engsten Freunden verraten
werden. Er sollte aufgrund falscher
Anschuldigungen angeklagt werden, von
einem voreingenommen Gericht verhört
und von einem feigen Richter verurteilt
werden.
Schließlich sollte er selbst erfahren, was
es heißt, völlig allein und verlassen von
allen Menschen zu sein. Er sollte gequält
werden und dann sterben. Und das sollte
in aller Öffentlichkeit geschehen und
zwar so schrecklich, dass kein Zweifel
daran bestehen konnte, dass er wirklich
gestorben war. Dazu sollte es eine
riesige Menge von Zeugen geben, die
das bestätigen.
Während jeder Sprecher seinen Teil des
Urteils verkündeten, erhob sich ein
großes Raunen in der riesigen
Menschenmenge. Und als der letzte
Sprecher den Urteilsspruch
abgeschlossen hatte, folgte ein langes
Schweigen.
Und alle, die Gott verurteilt hatten,
gingen plötzlich leise fort. Niemand
wagte mehr zu sprechen. Keiner
bewegte sich, – denn plötzlich wusste
es jeder: Gott hatte die Strafe ja schon
auf sich genommen.