Erster Fastensonntag 2008-02-08/2011-PK-DK/2014- Stundgebet Saalfelden

Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen- so heißt die letzte Vaterunser Bitte. Ein Wort, das uns manchmal in Verwirrung stürzt: wie kann Gott, der gute Vater, uns in Versuchung führen, wo er doch weiß, wie schwach wir Menschen sind. Viele Theologen und Übersetzer weißen uns deshalb darauf hin, dass man dieses Wort eigentlich anders übersetzen müsste: führe uns in der Versuchung, müsste es heißen, begleite uns in solchen Situationen, wo wir schwach sind, wo wir die inneren und äußeren Schwerkräfte spüren, bewahre uns davor, dass wir auf unserer Suche nach Glück falsche Wege gehen. Im Wort Versuchung steckt ja das Wort Suche. Jeder Mensch ist ein Suchender, ein sehnsüchtig Suchender. Wenn dann die Suche zur Sucht wird, wenn die Suche zu zerstörerischen Zielen führt und schließlich ganz eingestellt wird, dann endet so ein Leben in einer Sackgasse. Sackgassen sind Wege, die ins Nichts führen, die kein Ziel haben, die keinen Ausweg haben, wo man nur wieder umkehren kann. Führe uns nicht in Versuchung, das könnte dann auch heißen: bewahre uns vor solchen Sackgassen, und wenn wir schon hineingeraten, dann geh du mit uns und hilf uns heraus.
Auch im Leben Jesu gibt es solche inneren Impulse, die ihn auf eine falsche Lebensspur locken wollen. Schließlich ist er auch ganz Mensch wie wir und er hat sicherlich diese Anziehungskraft des Bösen gespürt, die immer dann besonders stark ist, wenn unsere Widerstandskräfte nachlassen. Das war auch bei ihm so. Auch er hat nach seiner Taufe im Jordan, nach seiner himmlischen Amtseinführung 40 Tage fastend und betend in der Wüste verbracht. Innerlich gestärkt aber äußerlich geschwächt will er nun seinen Weg und seine Sendung antreten und gerade da wird die Versuchung in ihm mächtig.
Der Teufel, so heißt es, tritt an ihn heran mit verlockenden Angeboten. Der Teufel, das kommt vom Wort: diabolos, d.h. der Durcheinanderbringer, der Durcheinanderwerfer. Wir wissen nicht, ob es sich dabei wirklich um eine konkrete Person und Gestalt handelt, oder ob sich dieser diabolische Kampf im Inneren Jesu abgespielt hat. Niemand war ja dabei. Wie auch immer, die Pläne Jesu, dieser heilsame und rettende Weg für die Menschheit, sollen durcheinander gewirbelt und durchkreuzt werden. Denn wo viel Licht ist, ist immer auch der Schatten nicht weit.
Das Urbild aller Versuchungsgeschichten ist ja im Buch Genesis aufgeschrieben. Die ersten Menschen, Adam und Eva, ertragen es nicht, dass sie nur Geschöpfe sind, sie möchten sein, wie Gott und so essen sie von der Frucht des Baumes und stellen ernüchtert und beschämt fest, dass sie nackt sind, d.h., dass sie sich nichts vor-machen können, vor Gott gibt es kein Verhüllen und Verstecken. Die Versuchung ist stärker, das Paradies ist verspielt.
Mit Jesus aber beginnt die Schöpfung wie in einem zweiten Durchgang noch einmal von vorne. Wie ein neuer Adam widersteht er den Abgründen dieser Welt und geht mit uns den Weg wieder zurück in jenes Land, das uns einst verloren gegangen ist.
Wir können uns nun diese diabolischen Sonderangebote näher anschauen und in ihnen unsere eigenen Sehnsüchte spiegeln und wiederfinden. Sie kommen sogar in biblischem Gewand daher, diese Sonderangebote, sie klingen fromm und logisch. Die Bibel ist ja immer schon ein Steinbruch für alles Mögliche gewesen, jeder Sektenführer und Diktator fuchtelt mit der Hl. Schrift herum, warum nicht auch der Teufel selbst. Beim ersten Hinhören klingt dieser Dialog ja sogar wie das Streitgespräch zweier Schriftgelehrten.
Mach doch aus Steinen Brot- du kannst das ja, so fordert der Versucher. Du musst ja schrecklich hungrig sein nach dieser radikalen Fastenkur. Mach es für dich, jetzt hast du es doch verdient, du kannst stolz sein, und mach es für die Menschen, sie werden dich lieben, du wirst ihr Brotkönig werden, das passt doch wunderbar in dein Programm der Nächstenliebe. Auch die Wege unseres Lebens sind oft nicht nur Wüstenwege, sie sind übersät mit Steinen, mit Stolpersteinen. Wie schön wäre es, wenn sie zu Brot werden könnten, wenn wir ungehemmt genießen und alles bis zur Gänze auskosten könnten. Ohne Mühsal, Anstrengung, ohne Sorgen und Angst, ohne Schweiß und Entbehrung. Aber Jesus kontert: nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund. Es gibt auch den Tod am Brot allein, eine lebensgefährliche Sattheit, Überdruss und Langeweile. Gottes Wort rückt alles ins rechte Licht, es macht den Weg nicht weniger steil, aber es stärkt uns auf diesem Weg.
Der Diabolos, der Durcheinanderbringer, lässt nicht locker. Stürz dich von der Zinne des Tempels hinab, es steht ja geschrieben, dass dich die Engel auffangen werden. Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser. Aber können wir Gottes Schutz und Liebe fordern? Können wir ihn erpressen durch Selbstaufopferung, durch Kriege, durch Leistung, auch religiöse Leistung? Können wir seine Liebe erzwingen? Ist sie denn nicht freies Geschenk? Auch da weiß Jesus eine Antwort: du sollt den Herrn, deinen Gott nicht versuchen, nicht auf die Probe stellen. Das Vertrauen muss gewagt werden. Auch im Glauben ist dieser Vertrauensvorschuss Gott gegenüber die Grundlage unseres Betens und Arbeitens.
Schließlich die dritte Sackgasse: Macht, Reichtum und Besitz, alles gehört dir, wenn du mich anbetest. Wir kennen solche Szenen aus der Literatur: Faust z.B. und viele andere sind so gierig nach dem Genuss dieser Welt, dass sie dem Teufel ihre Seele verkaufen. Aber immer kommt der Augenblick, wo sie diese Entscheidung bitter bereuen.
Aber auch hier durchschaut Jesus diese Lüge. Wie kann der Teufel etwas anbieten, was ihm gar nicht gehört. Nichts und niemand gehört ihm, alles gehört Gott, er allein ist würdig, dass man ihn anbetet. „Herr, ich bin dein Eigentum, dein ist ja mein Leben!“- so singen wir in einem Lied. Nur vor ihm dürfen wir das Knie beugen, alles andere ist Götzendienst. Das junge Christentum hat das zu spüren bekommen, als die Gläubigen den römischen Kaiser als Gott verehren sollten und so viele spüren es bitter bis auf den heutigen Tag, dass dieser Anspruch bis zur Lebenshingabe gehen kann.
So können wir nur wieder auf unsere Vaterunserbitte zurückkommen und sagen: bewahre uns vor solchen Situationen, wo unser Glaube auf eine solche Probe gestellt wird und gib uns in den Versuchungen, Verlockungen und Sackgassen unseres Lebens die Kraft und das Vertrauen, Auswege zu finden und zu gehen, so wie Jesus selber in der Kraft Gottes seinen Weg gegangen ist.
(Unser Bischof gibt uns in seinem Fastenhirtenbrief ein Rezept mit, wie wir uns in den Versuchungen unseres Lebens stärken können….)
Es geht darum, den Schatz der Hl. Schrift wieder neu zu heben, und auch darum, die Feier der Liturgie der kommenden Sonntage ernst zu nehmen. Im Lesen und Hören des Wortes Gottes und im Mitfeiern der Eucharistie, im Empfang der Kommunion, so der Bischof, sind wir auf innigste Weise mit Gott verbunden und können so als verwandelte Menschen den Alltag neu bewältigen. So können wir den Versuchungen des Lebens gestärkt gegenüber treten und sie bestehen.