/21.1.2013 PK/Stundgebet- Saalfelden 2014

Vom Pfr. v. Ars gibt es die bekannte Erzählung, dass er eines Tages in seiner Kirche einen Bauern findet, der da vor dem Tabernakel kniet. Er denkt sich nichts dabei und wie er einige Stunden später wieder kommt, da ist der Bauer immer noch da. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, denkt sich der Pfarrer und fragt den Bauern: was machst du denn da? Darauf sagt dieser einfache Bauer: Ich schaue ihn an und er schaut mich an.
Das haben wir heute einen Tag lang gemacht, wenn auch verhüllt im Zeichen des Brotes in der Monstranz, Gott angeschaut und er hat uns angeschaut und wir haben uns anschauen lassen von ihm.
Dieses einfache Wort will ich mit euch ein bisschen näher beleuchten. Ich schaue ihn an, hat der Bauer gesagt. Nicht wie eine Sensation, eine Sehenswürdigkeit, ein Kaufhausschaufenster, eine Illustrierte. Das alles kann man gleichmütig anschauen, ohne innere Beteiligung oder Anteilnahme, ohne jegliche Gefühlsregung. So kann man Gott nicht anschauen und so findet man ihn auch nicht. Gemeint ist eher ein sich hinein versenken in die Welt, in die Geschichte, in mein eigenes LEBEN: Dort gibt Gott mir seinen Anschauungsunterricht, dort liefert er mir jeden Tag neues Anschauungsmaterial, gibt mir seine kostbaren, frohen und manchmal auch rätselhaften Hausaufgaben.
Als Kinder haben wir gerne in Zeitungen die Suchbilder aufgelöst. Da hat es geheißen: in diesem Bild sind 10 Elefanten versteckt, wer findet sie. Und man hat lange und genau hinschauen müssen, bis man sie gefunden hat. Dann waren es die 3-D-Bilder, auf die man eine Zeitlang hinstarren muss, bis sie ihre Tiefendimension entfaltet haben. So versteckt sich Gott: er versteckt sich am Kreuz in diesem zerschlagenen Jesus. Auch da sprechen wir ja allem Anschein zum Trotz beim Kreuzweg: wir beten dich an und preisen dich…er versteckt sich in der Krippe, und er versteckt sich im Brot. Er versteckt sich auch in der großen Welt und in meiner kleinen privaten Welt und Geschichte. Auf den ersten Blick sieht man ihn nicht, man muß sich einlassen, sich Zeit nehmen, genau hinschauen, dann findet man ihn, auf jeden Fall seine Spuren.
Heute haben wir das einen Tag lang versucht, mehr oder weniger lang.
Und weil wir schon vom Schaufenster gesprochen haben: jede Monstranz hat ja eigentlich so ein Schaufenster, in dem dieser Gott im Brot ausgestellt wird. Nichts Besonderes ist da zu sehen, kein Winterschlussverkauf oder sonst etwas Aufregendes, nur ein Stück Brot. Und doch die aufregendste Sache der Welt: Gott als Lebensmittel, Gott als Wegzehrung für die schwierigen und verzwickten und kraftraubenden Wege unseres irdischen Daseins. Das Brot selber ist nicht aufregend, aber der, der damit gemeint ist, und das, was er für uns tut, das ist aufregend. Durch dieses Brotfenster hindurch sehen wir, wie Gott am Werk ist. Und wenn wir durch dieses Brotfenster hindurch auf die Welt hinschauen, dann bekommt diese dunkle und hässliche Welt einen goldenen Glanz, ein goldenes Strahlen, wie eine Monstranz.
Irgendwo habe ich einmal eine solche Monstranz gesehen, wo die Hostie nicht von Strahlen sondern von Menschen umgeben war. Der Künstler wollte damit sagen: die ganze Welt und jeder einzelne von uns ist eigentlich eine Monstranz, sollte so leben, dass der Gott in uns und mitten unter uns Strahlkraft gewinnt, aus jedem von uns könnte er strahlen, alles könnte, wenn man es nur lang genug und intensiv genug betrachtet, zum Schaufenster für ihn werden.
Ich schaue ihn an- hat der Bauer gesagt.
Und dann auch das andere: er schaut mich an. Dass er nicht wegschaut, er hätte allen Grund dafür. Aber seit Jesus Christus auf dieser Welt gelebt hat, wissen wir, dass er hinschaut. Er sieht den Zachäus am Baum und den Blinden am Wegrand, er sieht die hungrige Menge und den Schächer neben ihm am Kreuz. Und dass er ganz besonders dort hinschaut, wo wir gerne wegschauen möchten, das wissen wir auch: er schaut unter den Teppich unseres Lebens, dort, wo wir manchen Unrat hinkehren, er schaut unter die Haut und ins Herz, er schaut in jene Winkel unserer Welt und unserer Pfarre, wo es dunkel ist, wo Menschen leiden und sterben, wo Menschen fluchen und hassen, wo sie gleichgültig geworden sind, und er schaut auch in meinem Leben ganz besonders auf die Stellen hin, die uns Schmerzen bereiten. Nicht umsonst ist einer der Titel für Jesus: Heiland der Kranken und Sünder. Wie ein guter Arzt schaut Jesus ganz besonders auf die Stellen meines Lebensweges, wo ich verwundet worden bin und wo
ich andere verwundet habe. Und er möchte sie heilen. Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund, so beten wir ja, bevor wir ihn empfangen. Er schaut mich an, wie ich gewesen bin, wie ich bin, wie ich einmal sein werde, er schaut mich an und sieht auch den, der ich sein könnte aber noch nicht bin und vielleicht auch nie sein werde.
ER schaut mich an, d.h.: er meint mich. Keinen anderen. So wie Jesus seine Apostel angeschaut hat bevor er sie in seine Nachfolge beruft. Es ist ein anspruchsvolles Anschauen, ein Anschauen, das mich in Dienst nimmt, das nicht ohne Folgen bleibt, ein Anschauen, das mich verwandelt. Aber es bleibt immer ein liebevolles Anschauen.
Ich kann mich noch an den Rel.unt. meiner Kindheit erinnern: Mit erhobenem Zeigefinger wurde uns gesagt: Ein Auge ist, das alles sieht, selbst was in dunkler Nacht geschieht. Der Gott, der unbarmherzig herschaut und sich alles notiert, der mich mit seinen kalten Röntgenaugen durchschaut, vor dem ich mich nicht verstecken kann, vor dem man Angst haben muß. Einen solchen Gott hat uns Jesus nicht gezeigt.
Da haben jene Lausbuben schon mehr verstanden, die im Garten des Pfarrers die Kirschen gestohlen haben. Bis es dem Pfarrer zu bunt wird und er einen Zettel an den Baum hängt: Der liebe Gott sieht alles, steht da drauf. Am nächsten Tag steht drunter: Aber er verpetzt uns nicht.
Ich schaue ihn an und er schaut mich an, so hat der Bauer gesagt. Auch wir haben uns das heute einen Tag lang geleistet, nicht alle auf einmal, aber es war doch immer jemand oder einige da und haben stellvertretend für andere und für die ganze Pfarre gebetet und unsere Pfarre stellvertretend für die ganze Diözese, für ganz Kärnten. Und so ist die Monstranz nicht nur zum Schaufenster geworden, durch das wir auf die Welt und auf uns selber hingeschaut haben, sondern eigentlich zur Lupe: nun sehen wir Vieles besser und genauer und verständnisvoller und wir dürfen dankbar sein für diesen Anschauungsunterricht des liebenden und guten Gottes.