6.So. JK. 2011Sa-PK-SO:MB-Aml./2014 MB-PK/2014 Stundgebet Saalfelden

Nach den tröstlichen Seligpreisungen für die Armen, Trauernden, Verfolgten, mit denen Jesus seine Bergpredigt beginnt, nach den ermutigenden Worten, wonach wir Licht der Welt und Salz der Erde sind, geht es heute mitten hinein in die fordernden und beunruhigenden Seiten der Bergpredigt. Es sind eindrucksvolle Aussagen voller Wucht und voller Anspruch, die uns unter die Haut gehen und sich wie Angelhaken in unserem Inneren festsetzen. Seine Rede ist schroff und provokant und kompromisslos, aber vielleicht gerade deswegen auch so lebensnotwendig und heilsam.
Aber er kann es sich leisten, er steht hinter seinen Worten und lebt sie, er predigt nicht Wasser und trinkt dann Wein, so wie ich es manchmal tue. Vielleicht heißt diese Predigt nicht nur deshalb Bergpredigt, weil sie auf einem Berg gehalten wird, sondern auch deshalb, weil sie etwas von der Mühsal und Kargheit einer Bergtour hat, etwas Hartes und Schweres, aber auch etwas, das uns mit jedem Schritt höher und höher hinaufbringt auf unserem Lebensweg. Trotzdem ist der Berg der Seligpreisungen am See Genezareth keine steile, unüberwindbare Felswand, wie alle Israelwallfahrer wissen, sondern ein menschenfreundlicher Hügel, der uns Mut machen will, an dem keiner scheitern soll. Vor ihm brauchen wir nicht zu resignieren, sondern können mit dem amerikanischen Präsidenten sagen: Yes, we can!- Denn dass wir Licht und Salz der Welt und Stadt auf den Berg sind, das gilt auch trotz all unserer Schwäche und Ängstlichkeit und Unvollkommenheit. Denn er geht mit uns und wir dürfen seine freundliche Einmischung zulassen. Wenn ein Staat einen anderen kritisiert, dann nennt man das in der Diplomatensprache: eine unerwünschte Einmischung in innere Angelegenheiten. Jesus macht heute auch eine zwar oft unerwünschte aber doch äußerst heilsame Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten, nämlich in unsere ganz privaten Herzensangelegenheiten. Keine diplomatische Etikette soll ihn davon abhalten. Sein Staatsgebiet, das ist mein Inneres. Dort, in unserem Herzen, soll Gottes Gebot Geltung haben, nicht als aufgezwungener Gesetzeskatalog, nicht als Buchstabengerechtigeit, nicht als Angstreaktionen auf göttliche Strafandrohungen, sondern als Liebesangebote.
Wir dürfen einige dieser Einmischungen ein wenig näher anschauen: z.B. die Einmischung in unsere Feieratmosphäre bei den Gottesdiensten. Nur als Versöhnte können wir miteinander feiern, heißt es da, und es ist unecht, wenn ich mich in der Kirche möglichst weit weg von einer ungeliebten Person setze, nur damit ich ihr beim Friedensgruß nicht die Hand geben muss.
Ich kann mich noch an eine Schülermesse in unserer Hauskapelle in Tanzenberg erinnern, wo unser Präfekt, der dann später Pfarrer in Kleinkirchheim geworden ist, auch über diese Stelle gepredigt hat. Er hat am Beginn gesagt: In eurer Klasse gibt es so viel Streit. Jesus sagt: geh zuerst nach Hause und versöhne dich, sonst können wir nicht feiern. Dazu ist jetzt die Gelegenheit. Ich warte.- Dann war eine Weile Stille. Keiner hat sich vom Fleck gerührt. Schade, hat der Priester gesagt, hat langsam sein Messkleid ausgezogen, hat es auf den Altar gelegt und ist gegangen. Das hat uns alle sehr betroffen und hat zu fruchtbaren Diskussionen geführt.
Oder unsere Worte, unser Umgang miteinander, auch da müssen wir uns so eine Einmischung gefallen lassen. Dass der Mord nicht nur als vollbrachte Tat zählt, sondern auch unsere Mordlust oder der Rufmord darunter fällt.
Eine Dichterin fragt sich und uns einmal: wenn es möglich wäre, einen missliebigen Menschen durch einen bloßen Druck auf einen Knopf auszulöschen- spurlos, natürlich schmerzlos, in einem Augenblick und absolut unbeweisbar: wer würde nicht zum Mörder, irgendeinmal in seinem Leben? Und sie folgert voller Schrecken: Man kann nur Gott bitten, dass Er mich nie, nie so weit kommen lässt, dass man im Ernst auf den Knopf drücken würde, so wie man ihn immer flehentlich bitten muss, Er möge mich festhalten und bändigen, dass ich nicht eines Tages im Jähzorn etwas Unwiderrufliches und Unheilbares tue.
Ob es der Ehebruch ist, der schon in Gedanken beginnt, oder unser Umgang mit der Wahrheit, der Handschlagqualität haben sollte, sodass es nicht mehr nötig ist, zu schwören, ob wir auch uns selber gegenüber ehrlich sind oder uns manchmal selbst betrügen und in die Tasche lügen, oder ob es um die Art geht, wie wir Hand und Fuß und Zunge und Auge in den Dienst der guten Sache stellen, wie wir mit den verführerischen Mächten des Konsums umgehen, wie es uns gelingt, auch Verzicht zu üben, immer geht es um die rechte Gesinnung, um das Hören auf unser Gewissen, auf diesen inneren Lehrmeister, den jeder von uns manchmal spürt und hört. So sind Jesu Worte in einem ganz wörtlichen Sinne radikal. Radikal kommt vom Wort „radix“- die Wurzel. Er fühlt uns nicht nur auf den Zahn, oder plombiert eine schädliche Stelle, sondern macht mit uns eine Wurzelbehandlung. Nicht den Buchstaben der Gebote, sondern ihren Geist gilt es sich anzueignen, das ist diese größere Gerechtigkeit, die von uns erwartet wird. Kein Kadavergehorsam wird verlangt, wir sind ja nicht Gottes eingeschüchterte Kettenhunde, sondern seine freien Kinder und Freunde.
Natürlich, solange wir Menschen schwach sind, braucht es Gesetze und Strafen, Polizei und Gefängnisse, braucht es Urteile und Kompromisse, Recht und Ordnung und oft habe ich nur die Wahl, das kleinere Übel zu nehmen. Wir werden es ja niemals schaffen, mit einer ganz blütenweißen Weste durch diese Welt zu gelangen.
Aber die Bergpredigt ermuntert und ermutigt uns, auf dem Weg zu bleiben und in unserem eigenen Herzen mit der Weltverbesserung zu beginnen. Jesus, der Herzspezialist, der sich in unsere inneren Herzensangelegenheiten einmischt, will uns nicht überfordern, sodass wir müde zusammenbrechen, sondern er will unser Begleiter und Herzschrittmacher sein.