Im Rahmen der Festwoche zum 350-jährigen Bestehen der Einsiedelei hielt Prof. Clemens Sedmak einen Vortrag zum Thema „Der Einsiedler in mir“.

Hier eine Zusammenfassung seiner Ausführungen.

„Der Eremit in mir“. Einfach anders leben (Saalfelden, 20. September 2014)

1 Einführung

„Der Einsiedler lebt absichtslos dahin und ist für die Leute da“, sagt Bruder Raimund, der Einsiedler von Saalfelden – „absichtslose, den Menschen zugewandte Präsenz“

Heinz Nussbaumer, „Der Mönch in mir“: Athoserfahrungen; Leben im Augenblick; Schweigen als Geschenk, um sich dem Wesentlichen zu nähern („Reden ist zerstreute Kraft, Schweigen gesammelte Energie“);  vgl. Thomas Merton in den 1950er und 1960er Jahren (politische Dimension des Mönchstums)

„Eremit im Dom“ und Erich Wimmer („Kuttenlos“): das Innere entrümpeln – angestopft mit Eindrücken und Informationen, kann sich an Träume erinnern; in aller Ruhe schauen – nächtliches Wachen als Eremit; Zeit haben und Briefe schreiben; Stille: „sie fühlt sich so intensiv an, als würde sie hinter mir stehen und überlegen, ob sie meine Schulter berühren soll“

2 Lebensform

a Grundsätzliches

Anfänge:  éremos = “das Wüste” und “einsam, unbewohnt” / 2. Jahrhundert Rückzug (Angst vor Verfolgung, Kontrast); Spannungen zu Gemeinschaft

CIC: „Außer den Instituten des geweihten Lebens anerkennt die Kirche auch das eremitische oder anachoretische Leben, in dem Gläubige durch strengere Trennung von der Welt, in der Stille der Einsamkeit, durch ständiges Beten und Büßen ihr Leben dem Lob Gottes und dem Heil der Welt weihen“ – vom Recht anerkannt, wenn sich öffentlich gegenüber dem Diözesanbischof auf die evangelischen Räte verpflichtet und unter dessen Leitung die ihm eigentümliche Lebensweise wahrt (CIC 603) – vgl. Charles Taylor und die Vielfalt der Lebensformen

KKK: 920 Auch wenn sie die drei evangelischen Räte nicht immer öffentlich geloben, weihen die Eremiten [Einsiedler] „durch strengere Trennung von der Welt, in der Stille der Einsamkeit, durch ständiges Beten und Büßen ihr Leben dem Lob Gottes und dem Heil der Welt“ (CIC, can. 603, § 1). 921 Sie zeigen jedem das Innere des Mysteriums der Kirche auf: die persönliche Vertrautheit mit Christus. Den Augen der Menschen verborgen, ist das Leben des Eremiten eine stille Predigt Christi. Der Einsiedler hat sein Leben ganz Christus übergeben, weil dieser für ihn alles ist. Es ist eine besondere Berufung, in der Wüste, im geistlichen Kampf die Herrlichkeit des Gekreuzigten zu finden (Vgl. dazu auch 2719, 2015).

 

b Eremiten heute

ca 80 Eremit/inn/en in Deutschland heute, 80% „Diözesaneremiten“; religiöse und freie Eremiten; Tendenz leicht steigend; einige Neulinge, die sich auf den Weg in die Stille begeben, brechen aber schon nach ein paar Wochen oder Monaten wieder ab. Sie unterschätzen die Abgeschiedenheit – oder sie schaffen es nicht, Geld zu verdienen: mitunter geht gesundheitlich nicht: Eremit/inn/en leben heute oft in der Nähe von  Städten, haben oft Auto, Telefon, Internetzugang.

Vgl. Ebba Hagenberg-Miliu, „Allein ist auch genug. Wie moderne Eremiten leben“ – 33 Einsiedler

Herausforderung Tagesablauf, Finanzierung, Sicherung der Räumlichkeiten

Schwester Britta (Regensburg) – blog: „Den Himmel im Herzen unddie Füße auf dem Boden“

 

3 Kernbegriffe

a Kraft des Gebets und des Rats

Weisheit: Rat geben können – „Bergführer des Gebets“, Weg kennen: Gereon Goldmann und die Begegnung mit der Eremitin („Tödliche Schatten – Tröstendes Licht“): Atlasgebirge Algeriens: 3 kleine Berghöhlen – Wohnraum, Kapelle, Gästehöhle; tagsüber arbeitet mit Kranken im Dorf; Mystikerin; wehrt sich gegen seinen Plan, seinen seelsorglichen Ort zu verlassen: „Es ist Gottes Wille, dass Sie zurückkehren. Geben Sie mir den Namen des schlimmsten Feindes der Kirche“ (jede Nacht sechs Stunden für ihn gebetet)

b Stille und Schweigen

Biblische Befunde: Gut ist es, schweigend zu harren / auf die Hilfe des Herrn (Klgl 3,26); „Mancher schweigt und gilt als weise, / mancher wird trotz vielen Redens verachtet.  Mancher schweigt, weil er keine Antwort weiß, / mancher schweigt, weil er die rechte Zeit beachtet.  Der Weise schweigt bis zur rechten Zeit“ (Jesus Sirach 20,5-7); Schweigen Gottes, „wir können nicht schweigen“; Jesus schweigt (Joh 8 und Passionsgeschichte in Mt 26,63 vor Kajaphas)

Susan Cain und die Unterschätzung der stillen, introvertierten Menschen

Ambivalenz der Stille: Diarmaid MacCulloch (“Silence”): es gibt auch giftiges Schweigen, Scham und Angst

Erfahrung von Sara Maitland (“Silence”): noisy world – I have lived a very noisy life – noise pollution (having small children); silence is romanticized and at the same time terrifying; night as time out of time; living alone: freedom of choice and space; silence: absence of noise and speech – speech breaks silence; silence as “outwith language” (outside of, not within the circumference of something else); idea that extreme lifestyles deliver extreme experiences; away from comforts of life; listening; each day it becomes easier to be silent; “silence hunting”; Akedieattacke; drawing up rules of life but not “busyness” (let silence in, even if it hurts);

c „Wüste“

Ort des Widrigen (Isolation, keine Unterstützung), Ort der (Zu)Flucht, Ort der Wandlung (Joh der Täufer, Jesus) – „leer“, „unkultiviert“ (vgl. roh-gekocht), „belehrend“ (Disziplin)

Antoine de Saint-Exupéry (1939 „Terre des Hommes“: Wind, Sand, Sterne: 1935 Wüste Lybiens gelandet); Carlo Caretto, Wo der Dornbusch brennt.Geistliche Briefe aus der Wüste: „Dies ist die Wahrheit, die wir im Glauben lernen müssen: Warten auf Gott. Diese Haltung des Herzens ist keine Kleinigkeit. Dieses “Warten”, dieses “keine Pläne machen”, dieses “Stillwerden” ist das Wichtigste, was von uns verlangt wird.” [vgl. Simone Weil: innere Haltung des leeren Wartens]

Justine Allain-Chapman: 8 Tage Sinai Halbinsel – „Entgiftung“ (Fasten und „Food for the soul“); Wüste als geräuschvoller und stiller Ort; Wüste als Monotonie und Abwechslung; Wüste als Indifferenz und Unterstützung; Wüste als Wandel und Stabilität

„Poustinia“: Buch „Poustinia: Encountering God in Silence, Solitude and Prayer“ (Catherine De Hoeck Doherty: wer fest in Gemeinschaft gegründet, kann einige Tage „poustinia“ machen, fastend nur mit Bibel – auch aus Bußhaltung heraus; einsamer Platz im Herzen – eigene Erfahrung: „Es muss etwas Besonderes passieren“;

 

d Einsamkeit und Alleinsein

Die Evangelien betonen immer wieder, dass Jesus sich zurückgezogen hat, alleine war, die Einsamkeit suchte (Mt 14,13; Mk 6,47; Lk 9,18; Joh 6,15). Im Matthäusevangelium heißt es an prominenter Stelle: „Nachdem Jesus sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten“ (Mt 14,23).

Johannes Cassian: Einsamkeit ist ein schwieriger geistlicher Boden – es fehlen Tadel und Korrektur durch andere und die Mönchsgemeinschaft (V,14), Einsamkeit erfordert ständige Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, weil der Mensch auf sich selbst zurück geworfen ist (IV,12) – Herausforderung: Maß,  Bodenhaftung, Selbsttäuschung // Palladius von Helenopolis beschreibt in seiner Historia Lausiaca Beispiele für die Kultur der Einsamkeit. Die Einsiedelerin Alexandra etwa antwortet auf die Frage, ob ihr denn die Einsamkeit nicht zur Last werde, mit einem klaren Hinweis: „Ich bete vom frühen Morgen zu jeder Stunde bis zur neunten und spinne Leinwand, mache während der anderen Zeit im Geiste die Runde bei den heiligen Patriarchen, Propheten, Aposteln und Märtyrern und esse dann mein Stücklein Brot.“ – Hinweis auf eine Tagesstruktur, einen Rhythmus und den Wert der Regelmäßigkeit

Ostkirchliche Tradition: Niketas Stethatos beschreibt den Weg in die Einsamkeit als den Weg hin zu Gott: „Wenn du die Güter sehen willst, welche Gott denen bereitet har, die ihn lieben, dann begib dich in die Einsamkeit der Verleugnung des eigenen Willens und fliehe die Welt … Mönch zu werden, das bedeutet nicht, sich den Menschen und der Welt zu entziehen, sondern sich selbst zu verlassen, aus dem Willen des Fleisches zu treten und in die Wüste fortzugehen, wo es keine Leidenschaften gibt“. Gregorios der Sinaite hält kurz und bündig fest: „Ein zerschlagenes Herz und eine verdemütigte Seele verleiht nichts so sehr wie Alleinsein in Erkenntnis und das Schweigen von allen Dingen“

Fähigkeit, allein zu sein: Blaise Pascal hat an einer viel zitierten Stelle seiner „Pensées“ bemerkt, dass er angesichts der ruhelosen Geschäftigkeit der Menschen häufig gesagt habe, „daß das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“ // Die Fähigkeit, mit sich allein sein zu können, stellt auch die Möglichkeit dar, einzigartige Werke zu schaffen: Rafael Yglesias lässt in seinem durchaus autobiographischen Roman „Glückliche Ehe“ den Protagonisten auf die Frage seiner Freundin Margaret „Ich finde es unglaublich, dass du drei Romane geschrieben hast. Wie machst du das?“ knapp und klar antworten: „Indem ich stundenlang allein in einem Zimmer sitze.“ // alleine sein zu können, stellt eine ebenso wichtige wie umkämpfte Fähigkeit dar. Der englische Psychoanalytiker Donald Winnicott hatte 1958 einen Aufsatz veröffentlicht, „The Capacity to be alone“. Darin betont er die Bedeutung dieser Fähigkeit für die Selbstentwicklung und den Reifungsprozess. Dieser Grundgedanke motivierte Anthony Storr für sein nahezu klassisches Werk Solitude. Darin zeichnet Storr, ein englischer Psychiater (gestorben 2001), die Bedeutung des Alleinseins für das glückliche und erfüllte Menschsein nach – durchaus auch mit dem Hintergedanken, einen Gegenakzent zu jener These zu setzen, die erfülltes Menschsein allein von der Beziehungsfähigkeit und der Beziehungserfahrung abgängig zu machen bemüht ist // Reizarmut und Tiefe: Gefängnis – Mahatma Gandhi, Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp, Nelson Mandela, Vaclav Havel, Francis Van Thuan

„der innere Ort des Rückzugs“: Seele und Hesychia; gegen „innere Armut“ (Thomas Müller)

4 „Der Einsiedler in mir“

Rückzugsorte und Rückzugszeiten – Gewohnheiten („Rückzugsgewohnheiten“)

Rhythmus: Tagesbeginn und Tagesende; Tagebuch; „Wüstenzeiten“

Die Seele nähren

Zum Schluss: Gedicht von Mascha Kaléko (1907-1975); „Der Eremit“

Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er lächelte mitten im Schmerz.
Er wollte nur sein, nicht scheinen.
Es sah ihm keiner ins Herz.

Es hörte ihn keiner weinen.
Er zog in die Wüste hinaus.
Sie warfen nach ihm mit Steinen.
Er baute aus ihnen sein Haus.