Adventgespräch (von Lene Mayer-Skumanz)

In der Zeichenstunde malen die Kinder Einladungskarten für das Adventsspiel in der Schule. Xaverl malt den Verkündigungsengel, wie er gerade bei Maria ankommt: Mit seinen starken Flügeln hat er den Vorhang des Fensters zur Seite wehen lassen; in der Hand hält er einen Blumenstrauß.

„Schön, nicht?“, sagt Xaverl zum lieben Gott. Er sagt es nicht laut. Er sagt es in seinem Inneren. Kein Kind in der Klasse merkt, dass Xaverl sich eben mit dem lieben Gott unterhält.

„Jetzt weiß die Maria, dass das Jesuskind kommen wird. Jetzt kann sie auf seine Ankunft warten, Windeln nähen und sich freuen. – Und dann male ich noch die Hirten, wie sie bei der Krippe ankommen. Und den Stern, wie er über dem Dach ankommt, und die Heiligen Drei Könige keuchen hinter ihm her. Lauter Ankunftsbilder. Advent heißt Ankommen, das haben wir gelernt. Gefällt dir das Bild, wie der Engel bei Maria ankommt?“

Und dann wird Xaverl still, ganz still, damit er hören kann, was der liebe Gott antwortet.
„Ja“, sagt der liebe Gott. „Besonders der Blumenstrauß.“
„Kommst du eigentlich bei allen Menschen an?“, fragt Xaverl.
„Ja“, sagt der liebe Gott.
„Nur einmal oder öfters?“, fragt Xaverl.
„Immer“, sagt der liebe Gott. „In jedem Augenblick komme ich an.“
„Nur werden es manche nicht gleich erkennen“, sagt Xaver.
„Manche wollen es nicht erkennen.“
„Was machst du dann?“, fragt Xaver.
„Ich warte“, sagt der liebe Gott.
„Advent ist auch die Zeit des Wartens, haben wir gelernt“, sagt Xaver. „Nur hätt’ ich nie gedacht, dass du es bist, der wartet.“ Er denkt nach. „Allein warten ist nicht  schön. Ich könnte dir beim Warten helfen, wenn es dir recht ist!“ „Da wirst du aber viel Geduld haben müssen“, sagt der liebe Gott.
„Wenigstens probieren will ich’s“, sagt Xaverl.
„Und wenn dann einer zu dir sagt: ‚Oh, da bist du ja!’, freuen wir zwei uns gemeinsam. Einverstanden?“
„Einverstanden“, sagt der liebe Gott.

Xaverl hat ein Problem (von Lene Mayer-Skumanz)

„Du, lieber Gott, bist du da?“, fragt Xaverl am Abend im Bett. Und dann wird er ganz still, damit er hören kann, was der liebe Gott ihm antwortet.
„Ich bin da“, sagt der liebe Gott.
„Ich hab ein Problem“, sagt Xaverl. „Du hast doch alle Menschen lieb, oder?“
„Ich hab sie alle lieb“, sagt der liebe Gott.
„Auch die Lisi aus dem Fünfzehnerhaus?“, fragt Xaverl.
„Auch die Lisi aus dem Fünfzehnerhaus“, sagt der liebe Gott.

„Normalerweise kann ich sie ja auch ganz gut leiden“, brummt Xaverl. „Aber heute hab ich sie nicht ausstehen können! Mir wird heiß vor Zorn, wenn ich nur an sie denke! Die ganze Probe für unser Adventspiel hat sie uns verpatzt! Nur weil sie selber ihre Engelrolle schon kann und wir anderen unsere Hirtenrolle noch nicht. ‚Was, du willst ein Hirte sein?’, hat sie zu mir gesagt. ‚Ein feiner Hirte, der seinen Text nicht weiß, ein Stotterhirte! Spiel doch ein Schaft, das nur BÄH sagen muss! Spiel einen Baum, der muss gar nichts sagen!’ – ‚Ein feiner Engel, wirklich zum Fürchten’, hab ich geantwortet, ‚ein Keifengel von der ärgsten Sorte!’ – Dann waren wir bös aufeinander. Und darum kann ich sie heute nicht leiden, ich kann nicht! Ich will sie heute auch gar nicht leiden können!“

„Nicht einmal können wollen?“, fragt der liebe Gott.
„Nicht einmal das!“, murmelt Xaverl.
Dann denkt er nach. „Ich hab eine Bitte an dich, lieber  Gott. Kannst du heute die Lisi doppelt so lieb haben, weil ich es nicht fertig bringe? Geht das? Bitte!“
„Oh ja, das geht“, sagt der liebe Gott.
„Da bin ich aber froh“, flüstert Xaverl und er schläft so schnell ein, dass er dem lieben Gott nicht einmal mehr gute Nacht sagen kann.

Xaverl und das Lied vom Jubeln (von Lene Mayer-Skumanz)

In der Kirche hört Xaverl ein Lied, über das er viele Tage lang nachdenken muss. Er hat auch nicht alles verstanden, was der Chor da gesungen hat, aber so viel doch: Der Himmel, der soll sich freuen, und die Erde soll jubeln, wenn Gott kommt. Das Meer soll aufbrausen vor Jubel, und alles, was im Meer schwimmt und lebt. Die Bäume im Wald sollen jubeln, wenn Gott kommt …

„Aber du bist doch schon da“, sagt Xaverl zum lieben Gott. Und dann wird er still, ganz still, damit er hören kann, was der liebe Gott ihm antwortet.

„Ja“, sagt der liebe Gott, „ich bin da.“
„Na, und jubeln sie?“, fragt Xaverl.
„Ja“, sagt der liebe Gott.
„Ich hab noch nie einen Baum jubeln gehört“, sagt Xaverl. „Vielleicht sind meine Ohren nicht fein genug…“
„Deine Ohren sind fein genug“, sagt der liebe Gott. „Und außer den Ohren hab ich dir noch Augen gegeben und eine Nase und Fingerspitzen und überhaupt sehr viel Haut. Das musst du alles verwenden.“

„Gut, wenn du meinst“, sagt Xaverl. „Dann geh ich jetzt und höre zu von Kopf bis Fuß.“
Er stapft die Straße entlang und einmal um den Marktplatz herum und zurück in den Garten. Er spitzt die Ohren, er streckt die Nase hoch in die Luft, er macht die Augen auf, damit ihm nur nichts entgeht von dem großen Jubel.

Und wirklich:
Die dunkle Wolke am Himmel jubelt mit hellem Rand.
Das Bäckerhaus jubelt mit warmem Rauch und dem Duft nach frisch gebackenem Brot.
Der Rauhaardackel vor dem Supermarkt jubelt mit dem Schwanz.
So viele Arten von Jubel.
Im Garten der Kastanienbaum mit seinen harten, kleinen rotbraunen Knospen – jubelt der auch?

Xaverl zieht die Handschuhe aus und legt die Hände an den Stamm. Er presst sein Gesicht an die schwarze Rinde. Xaverl wartet. Er hört sich atmen und das ist schön. Ein und aus, ein und aus, die kalte Luft durch die Nase ein, die warme Luft durch den Mund hinaus. Die warme Luft wird zu kleinen Wolken. Die schweben einen Augenblick lang vor Xaverls Gesicht und steigen dann auf, den Stamm entlang nach oben. Xaverl freut sich. Er denkt: Ich juble mit meinem Atem. Er spürt den Baum an seiner warmen Haut. „Servus, du Baum“, sagt Xaverl, „ich glaube, da drinnen jubelst du auch“.

Der Schuster Konrad

(Advent heißt warten auf Gott – eine Adventgeschichte zum Nachdenken)

An diesem Morgen war Konrad, der Schuster, schon sehr früh aufgestanden, hatte seine Werkstatt aufgeräumt, den Ofen angezündet und den Tisch gedeckt. Heute wollte er nicht arbeiten. Heute erwartete er einen Gast. Den höchsten Gast, den ihr euch vorstellen könnt. Er erwartete Gott selber. Denn in der vorigen Nacht hatte Gott ihn wissen lassen: Morgen werde ich zu dir zu Gast kommen.

Nun saß Konrad also in der warmen Stube am Tisch und wartete, und sein Herz war voller Freude. Da hörte er draußen Schritte, und schon klopfte es an der Tür.

„Da ist er“, dachte Konrad, sprang auf und riss die Tür auf.

Aber es war nur der Briefträger, der von der Kälte ganz rot und blau gefrorene Finder hatte und sehnsüchtig nach dem heißen Tee auf dem Ofen schielte. Konrad ließ ihn herein, bewirtete ihn mit einer Tasse Tee und ließ ihn sich aufwärmen.

„Danke“, sagte der Briefträger, „das hat gut getan.“ Und er stapfte wieder in die Kälte hinaus.

Sobald er das Haus verlassen hatte, räumte Konrad schnell die Tassen ab und stellte saubere auf den Tisch. Dann setzte er sich ans Fenster, um seinem Gast entgegen zu sehen. Er würde sicher bald kommen.

Es wurde Mittag, aber von Gott war nichts zu sehen.

Plötzlich erblickte er ein kleines Mädchen, und als er genauer hin sah, bemerkte er, dass der Kleinen die Tränen über die Wangen liefen. Konrad ging aus der Stube zu dem Kind. Er erfuhr, dass es seine Mutter im Gedränge der Stadt verloren hatte und nun nicht mehr nach Hause finden konnte. Konrad legte einen Zettel auf den Tisch, auf den er schrieb: Bitte warte auf mich! Ich bin gleich zurück!

Er ließ die Tür unverschlossen, nahm das Mädchen an der Hand und brachte es nach Hause.

Aber der Weg war weiter gewesen, als er gedacht hatte, und so kam er erst heim, als es schon dunkel wurde. Er erschrak fast, als er sah, dass jemand in seinem Zimmer am Fenster stand. Aber dann tat sein Herz einen Sprung vor Freude. Nun war Gott doch zu ihm gekommen.

Im nächsten Augenblick erkannte er die Frau, die oben bei ihm im gleichen Haus wohnte. Sie sah müde und traurig aus. Und er erfuhr, dass sie drei Nächte lang nicht mehr geschlafen hatte, weil ihr kleiner Sohn  so krank war, dass sie sich keinen Rat mehr wusste. Er lag so still da, und das Fieber stieg, und er erkannte die Mutter nicht mehr.

Dir Frau tat Konrad leid. Sie war ganz alleine mit dem Jungen.

Uns so ging er mit. Gemeinsam wickelten sie den Buben in feuchte Tücher. Konrad saß am Bett des kranken Kindes, während die Frau ein wenig ruhte. Als er endlich in seine Stube zurückkehrte, war es weit nach Mitternacht. Müde und über alle Maßen enttäuscht legte sich Konrad schlafen. Der Tag war vorüber. Gott war nicht gekommen…

Plötzlich hörte er eine Stimme. Es war die Stimme von Gott.

„Danke“, sagte die Stimme, „danke, dass ich mich bei dir wärmen durfte – danke, dass du mir den Weg nach Hause gezeigt hast – danke, dass du mir geholfen hast und mir Trost gespendet hast. Schuster Konrad, ich danke dir, dass ich heute dein Gast sein konnte.“

Das schönste Weihnachtsgeschenk (eine wahre Geschichte)

Als kleiner Bub hatte ich meine Eltern verloren und kam in ein Waisenhaus in der Nähe von London. Es war mehr ein Gefängnis als ein Kinderheim. Wir mussten 14 Stunden am Tag arbeiten, und nur zu Weihnachten gab es für uns einen Ruhetag. An diesem Tag bekam jeder Bub eine Orange als Geschenk. Das war alles. Aber diese eine Orange bekam nur derjenige, der sich im Laufe des Jahres nichts zu schulden hatte kommen lassen und immer folgsam war.

Nun war es wieder einmal soweit, und es bedeutete für mein Knabenherz fast das Ende der Welt: Während die anderen Buben am Waisenhausvater vorbei schritten und jeder seine Orange in Empfang nahm, musste ich in meiner Zimmerecke stehen und zusehen. Das war meine Strafe dafür, dass ich eines Tages im Sommer aus dem Waisenhaus fortlaufen wollte. Als die Geschenkverteilung vorüber war, durften die anderen spielen, ich aber musste in den Schlafraum gehen. Ich war traurig, beschämt und weinte.

Nach einer Weile hörte ich Schritte im Zimmer. Eine Hand zog die Bettdecke weg, unter der ich mich verkrochen hatte. Ein kleiner Junge namens William stand vor meinem Bett, hatte eine Orange in der Hand und hielt sie mir hin. Ich wusste nicht, wie mir geschah. Wo sollte eine überzählige Orange herkommen?

Auf einmal kam mir zu Bewusstsein, dass die Apfelsine bereits geschält war. Und als ich näher hinblickte, wurde mir alles klar, und Tränen kamen in meine Augen. Als ich die Hand ausstreckte, um die Orange entgegenzunehmen, da wusste ich, dass ich fest zupacken musste, damit sie nicht auseinanderfiel.

Was war geschehen?

Zehn Buben hatten sich im Hof zusammengetan und beschlossen, dass auch ich ein Geschenk haben müsste. So hatte jeder seine Orange geschält und eine Spalte abgetrennt, und die zehn abgetrennten Spalten hatten sie sorgsam zusammengesetzt. Diese Orange war das schönste Weihnachtsgeschenk in meinem Leben. Sie lehrte mich, was es heißt, zu schenken und beschenkt zu werden.